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15.- CD Herencia Latina |
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HERENCIA
LATINA
(DAS LATEINISCHE ERBE)
Die verschiedensten Motive haben mich angetrieben, dieses
Projekt ins Leben zu rufen. Als ich mich damals mit afrikanischem
Tanz und Perkussion in den USA beschäftigte,
bekam ich das Gefühl, dass Musik mehr ist als bloßer künstlerischer
Ausdruck.Wer mit der Musik anfängt, beginnt einen spirituellen Weg. Vielleicht
ohne es zu wissen. Er öffnet gewisse Kanäle, mit denen er vorher nicht
in Kontakt war und die ihn auf der Suche nach dem tiefsten Inneren seines Selbst
führen. In diesem Sinne habe ich als Mitteleuropäer, aus einer mehr
verstandesmäßig geprägten Kultur stammend, immer das gesucht,
was sich vom Verstand abwendet, nämlich Mystik und Mythos. Gerade das habe
ich im Flamenco und in der lateinamerikanischen Musik gefunden. Mit anderen Worten:
Man folgt einem Ruf und geht auf eine unbestimmte Reise. Genau das ist es, was
ich hier präsentiere, meine eigene Reise und meine Entwicklung. Dies ist
keine ausschließliche Flamenco-CD. Sie enthält auch andere musikalische
Gattungen. Doch etwas verbindet alle Stücke: Das Lateinische; der gemeinsame
Ursprung.
Das im Süden Spaniens gelegene Andalusien spielt als eine der kulturellen
Wiegen Europas eine wichtige Rolle in dieser Geschichte. Die verschiedensten
Völkerstämme kamen hier hindurch: Zunächst die Mauren, die die
iberische Halbinsel seit dem 10. Jahrhundert beherrschten, danach die Juden,
dann die Byzantiner, die Goten und schließlich die Zigeuner. Nach einer
langen Wanderung aus dem Norden Indiens kamen sie im 15. Jahrhundert in Südspanien
an. Im Andalusien jener Zeit fanden sie sowohl eine weltoffene Kultur wie auch
etwas sehr Vertrautes in der Musik vor und sie blieben. Für die Entwicklung
des Flamenco waren und sind sie nicht wegzudenken.
Der Weg musikalischer Abstammung lässt sich nicht linear verfolgen. Wie
alles Wesenhafte nimmt auch die Musik in ihrer Evolution vielschichtige Einflüsse
auf. Diese sind später schwer nachzuvollziehen. In diesem Sinne ist Andalusien
nicht notwendigerweise der Anfang einer Entwicklung, aber es ist ein guter Ausgangspunkt.
Von hier aus stachen die ersten Schiffe Richtung „Neue Welt” in See.
Die spanischen Entdecker und Eroberer und vor allem die ersten Siedler brachten
ihre Lieder und Tänze in den Kontinent, lange bevor dieser Amerika genannt
wurde. Diese wurden von Neuankömmlingen, Ureinwohnern und den Mestizen an
das jeweils eigene Temperament angepasst. Je nach Klima, geografischer Lage und
historischer Entwicklung entstanden regional unterschiedliche Musikformen. Das
erklärt einerseits den eindeutig spanischen Einfluss in der lateinamerikanischen
Volksmusik. Andererseits wird hierdurch klar, dass die andalusische Folklore
nicht nur dem Flamenco als Wegbereiter diente, sondern auch z.B. dem mexikanischen
Son.
DIE HERAUSFORDERUNG DES TANGOS
Bei Tango denkt man sofort an den argentinischen Tango, obwohl der Rhythmus des
Tangos in Wirklichkeit so alt ist, wie die Musik selbst. Auf rhythmischer Ebene
charakterisiert ihn die Synkope. Diese verleiht ihm eine gewisse Elastizität,
welche in früheren Zeiten viktorianischer Prägung, den Verstand mit
seinen unumgehbaren Regeln und damit die Gesellschaft an sich, herausforderten.
Immer wenn der Tango in Erscheinung tritt, trotzt er allem,
was zu strikt und gradlinig, oder zu etabliert ist. Im argentinischen
Tango hielten sich hierbei erstmals Menschen der hohen Gesellschaftsklasse
im Tanz eng umarmt. Dadurch wurde er in den zwanziger Jahren
sofort zum Symbol unkontrollierter Leidenschaft und neuer,
freier sexueller Gebräuche. Eine Rebellion gegenüber der viktorianischen
Epoche.
Der Tango ist wie die Schlange, die sich in den Klauen des
Adlers windet. Nicht umsonst steht die Schlange für sexuelle Befreiung, versuchte man ihr auch
immer wieder die Bedeutung des Bösartigen und Verführerischen anzumessen.
Denken wir an Elvis Presley. Er bewegte sich wie eine Schlange. Er sang zwar
Rock´n roll, aber das brach, wie der Tango, mit allen linearen Strukturen.
Der Rock´n roll verlegte den Akzent auf die Zwei (backbeat) und verwandelte
damit eine ganze Gesellschaftsordnung. Als musikalisches Phänomen hat der
Tango keinen Ausgangspunkt. Er ist identisch mit dem Pulsschlag des Universums.
Als musikalische Grundform entspringt er zunächst dem spanischen Tango.
Dieser wiederum ist Erbe des Andalusi , diesem Genre, der während der maurischen
Besetzung Spaniens ab 10.Jahrhundert entstand. Jardin del Moro (Track 12), eine
so genannte Zambra, ist ein Stück in Anlehnung an jenen orientalischen Stil,
den wir auch heute noch überall in Marokko finden können.
Sehr viel später nistete der Tango sich in Kuba ein. Nach der „Entdeckung” und
der bald darauf folgenden Eroberung Amerikas, schuf er neue Varianten. Bald in
Mode kam die wesentlich langsamere Form der Habanera. La Paloma, das man in Deutschland
für einen uralten Schlager hält, ist z.B. so eine Habanera.
In Kuba traf der Tango afrikanische Rhythmen wieder, die mit den Sklaven, hauptsächlich
Yoruba aus Nigerien, auf die Insel gekommen waren. Aus diesem Wiedertreffen,
gleich dem zweier Brüder, die sich lange nicht gesehen haben und nun ihre
Erfahrungen austauschen, entstehen der Son Cubano und Son Montuno, der Danzón
und der Guaguancó. In anderen Teilen Lateinamerikas werden Merengue, Kumbia,
Samba, Bolero und viele andere aus dieser fruchtbaren Verbindung geboren.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erblickt, mit Hilfe der Habanera
in Uruguay, die Milonga das Licht zur Welt. (Track7 ). Wenig später entsteht
der argentinische Tango. Er nahm andere europäische Einflüsse, wie
z.B. die Zarzuela und das neapolitanische Lied auf und wird zu einem echten sozialen
Phänomen. Als Beispiel dient hier die Cumparsita (Track 5), einer der bekanntesten
argentinischen Tangos.
Im Flamenco gibt es so manche Variante des Tango. Der Tango
Flamenco hat den Siegel der Zigeuner, wobei die Tientos eine
langsamere, gemächlichere Variante
sind. Hier laufen sie unter dem Titel Riachuelo (Track 4). Die Farruca (Track
4) mit ihrem nördlichen Einfluss aus Galizien ist eine weitere Variante.
Ferner schließe ich ein Arrangement vom Caballo Viejo (Track 8) mit ein.
Das ist ursprünglich eine so genannte „Passage" aus Venezuela,
die ich hier mehr mit dem Geschmack des Son Cubanos interpretiere. Mein eigener
Beitrag zum umfangreichen Thema des Tango ist Herencia latina , eine Art Rumba
(Track 3).
La Bola de Oro (Track11) hat ein guter Freund namens Miguel
Iven komponiert, einer der erfolgreichsten deutschen Flamencogitarristen.
Ich denke es kommt dem Bolero am nächsten, der in der Serie der Tangos nicht fehlen darf. Eines
der Glanzwerke ist wohl Spain (Track10), diese Jazzkomposition Chick Coreas einer
Art Homenage für den Flamenco und mit der die Steine sich wiedertreffen,
wie man in Brasilien sagt. |
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DER
RHYTHMUS IM RITUAL
Meine persönliche Erfahrung mit ritueller Verwendung von Rhythmus begann
in Mexiko. Beim Karneval von Tepoztlan im Bundesstaat Morelos, sah ich den
als Mauren verkleideten Chinelos zu, wie sie zur Musik der Dorfkapelle tanzten.
Dabei fiel mir auf, dass die Rhythmen dieser Musik sich kaum von den Hauptformen
des Flamencos unterscheiden, obschon sie eine viel einfachere Dynamik aufwiesen.
Es handelt sich um einen zusammengesetzten Rhythmus, dass heißt zwei 3/4
Takte und drei 2/4 Takt. Grafisch dargestellt sieht das so aus: 1 2
3 1 2 3 1 2 1 2 1 2
Bereits die Vihuelisten (Die Vihuela ist der Vorgänger unserer heutigen
Gitarre) des 15. Jahrhunderts benutzten diesen Rhythmus mit Wechseltakt. Vermutlich
gibt es ihn schon viel länger, denn ich fand ihn in der keltischen, der
indischen und der afrikanischen Musik. Und zwar immer in Zusammenhang mit Tanz.
Meine Annahme ist nun, dass dieser Rhythmus vom Rituellen her kommt. Denn die
Tänzer treten während des Tanzes in einen tranceartigen Zustand. Und
dies geschieht sowohl bei den Tänzen der oben genannten Kulturen einschließlich
Chinelos , wie auch beim Vudu in Haiti, der Santeria in Kuba und der Dominikanischen
Republik sowie dem Condombé in Brasilien.
In Canarios (Track2), ein sehr beliebter Tanz auf den kanarischen Inseln, in
der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, findet man diesen Rhythmus wieder,
außerdem gewahrt er ein wenig vom selben Geist der Musik der Chinelos.
Die Petenera (Track15) ihrerseits weist dasselbe Muster auf. Es gibt sie fast
in allen Gebieten Mexikos, wie auch in Argentinien und Kuba. Sie stammt von einem
Lied aus einem andalusischen Dorf ab, das Paterna genannt wird und kam in der
zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts nach Mexiko. Die mexikanische Petenera
hat mit ihrem Namensvetter im Flamenco sehr viel gemein und zwar finden wir dieselbe
rhythmische, harmonische und melodische Struktur. Hier präsentiere ich sie
in der Flamencoversion, aber der Schluß hat sehr viel vom mexikanischen
Einfluss.
Der Flamenco spielt mit der Grundform dieses Wechselrhythmus und entwirft dabei
immer wieder neue Formen, indem er einfach den Anfang versetzt und betonte Taktteile
synkopiert. Hier sehen wir z.B. die Buleria Cañon del Lobo, (Track 1)
die mathematisch gesehen kaum anders ist als die Petenera, aber eine viel ausgefeiltere
Dynamik aufweist.
FANDANGO-HUAPANGO: DER KREIS SCHLIESST SICH
In einer dritten Gruppe erscheint die Malagueña salerosa (Track 13), ein
berühmtes mexikanisches Lied im Huapangorhythmus aus dem Norden des Bundesstaates
Veracruz (auch Son huasteco genannt). Das Wort Huapango stammt aus dem Aztekischen
und bedeutet „Auf den Brettern” in Anlehnung an die Bühne, die
man zum Steppen benutzt.
Derselbe Rhythmus taucht auch in anderen Regionen Mexikos unter Namen wie „Granadina", „Rondeña" oder „Murciana" auf.
Er kommt vom alten andalusischen Volkstanz, dem Fandango, der auch den Flamenco
stark beeinflusst hat, ebenso wie den mexikanischen Son und viele andere Musikformen
Lateinamerikas. Deshalb folgen ihm hier gleich die Sevillanas (Track14), dieser
frohmütige Rhythmus, der noch etwas vom leichten Geist der alten Fandangos
bewahrt. Zu guter Letzt präsentiere ich hier den Zapateado (Track 9), engster
Freund des Son Jarocho, einem populären Tanz aus Veracruz. Dieser Ort hat
sehr viel gemein mit Cadiz, von wo aus Kolumbus seine Reise begann. Dies war
der Anfang für eine reiche und nie endende Kultursynthese, die in dieser
Arbeit ihren Ausdruck finden soll.
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